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Die
pontische Lyra
Zusammenstellung:
Jannis Korosidis/Monika Weiland
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Aufbau
und Beschaffenheit
Das wichtigste
Musikinstrument der Pontier ist die Lyra. Sie hat keine Ähnlichkeit
mit der uns bekannten Harfe, die ebenfalls diesen Beinamen trägt.
Die Lyra hat drei Saiten und wird mit dem Bogen gespielt. Ihr
Klangkörper wird aus dem harten Holz des wilden Pflaumen-
oder Mirabellenbaumes, der Akazie oder aus Nussbaum hergestellt.
Er ist an den Seiten und hinten abgeschrägt. Ihr Deckel (der
vordere Teil) ist aus Tannenholz. Der Bogen wird aus Olivenholz
gefertigt und die Saiten aus dem Schweifhaar eines männlichen
Pferdes. Es gibt sogar einen entsprechenden Zweizeiler über
die Herstellung der Lyra:
To
Xylom en Kokkímelon To Doxárim Eliá
(Das Holz ist vom Pflaumenbaum der Bogen aus Olivenholz)
Die
Maße einer Lyra sind nicht immer völlig gleich. Eine
gewöhnliche Lyra hat im Durchschnitt eine Länge von
ca. 50 cm, eine Breite von maximal 9 cm und eine Tiefe von 4 cm.
Früher wurden die Saiten aus Tierdarm oder Seide hergestellt.
Heute werden Stahlsaiten benutzt. Eine der drei Saiten ist gestimmt
wie die H-Saite einer Gitarre, die beiden anderen wie die A-Saite
einer Violine. Die H- ist die hohe Saite, während die beiden
A-Saiten die mittlere und die untere sind. Die pontische Lyra
wird in Viertel-Intervallen gestimmt. Das Stimmen beginnt mit
dem hohen Ton (sil) und dem tiefen (kapán). Dadurch wachsen
die musikalischen Möglichkeiten in hohem Grad. Die Folge
davon ist, dass die Lyra alle anderen pontischen Musikinstrumente
dominiert.
Die wichtigsten Teile, aus denen eine Lyra besteht, sind der Kopf,
die Wirbel, der Hals, der Klangkörper, der Steg, die Saiten
und der Bogen. Die heutige pontische Lyra unterscheidet sich stark
von der alten Lyra, und zwar sowohl in ihrer Form als auch in
der Art und Weise der Erzeugung der Töne. Die großen
alten Lyras spielen in tiefer, die kleineren neueren in hoher
Stimmlage. Normalerweise wird in Akkorden gespielt. Die Lyra ist
ein Instrument ohne Bünde. Und die meisten Lyraspieler sind
auch aus diesem Grund Autodidakten.
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Geschichte
und Mythos
Die ersten
bekannten Abbildungen kretischer Lyras datieren um zwei- bis dreitausend
Jahre v. Chr. Es handelt sich um szenische Darstellungen des Lyraspiels,
aber es wurden auch Statuetten von Sängern gefunden, die
das Instrument einfach in Händen halten. Aus der antiken
griechischen Mythologie erfahren wir, dass der Gott Hermes die
erste Lyra herstellte: aus Tierpanzer und drei Zweigen, die er
zu "süß klingenden Saiten" spannte.
Die Lyra durchlief während ihrer 5.000-jährigen Geschichte
mehrere Entwicklungsstadien. Ihre erste Bezeichnung lautete Phyrminx.
Wahrscheinlich wurde die 4-saitige Phyrminx Lyra
des Hermes genannt. Aus dem 8. Jahrhundert n. Chr.
kennen wir eine monosaitige Lyra mit Bogen. Die folgenden Veränderungen
an der Lyra betrafen die Erhöhung der Zahl der Saiten und
Modifikationen an der Form des Klangkörpers. Vom 10. bis
15. Jahrhundert n. Chr. wurde dieses Instrument in Europa Fidel
genannt. Im 15. Jahrhundert n. Chr. tauchte der Name "Lyra"
wieder auf. Es entstand eine Familie von Lyras unterschiedlicher
Größe, Form und Saitenzahl. Eine dieser Lyras war die
Lyra da braccio. Nach ihrer
Vervollkommnung durch italienische Künstler wurde sie Violine
genannt.
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Die
Lyra im Pontos
Von den Schwarzmeergriechen
wurde das Instrument jedoch wieder vereinfacht; und diese Variante
nannte man Pontische Lyra.
Eine noch frühere Entstehung der schlichten pontischen Lyra,
etwa zu Zeiten der Entwicklung der "Fidel", ist auch
nicht ganz auszuschließen. Die griechischen Pontier, die
im osmanischen Reich, der heutigen Türkei, angesiedelt waren,
nannten die 3-saitige Lyra Kementsés
und die 8-saitige Kemanés.
Der Kemanés hat fünf oben liegende Saiten und drei
unterhalb dieser fünf. Der Bogen spielt nur die fünf
oberen Saiten und versetzt dadurch die unteren in Schwingungen.
Die Gründe für die Gleichsetzung von Lyra und Kementsés
sind vermutlich in der selben Zahl der Saiten und der selben Art
und Weise, sie zu spielen und den Bogen zu halten zu suchen. Aber
auch die durch die Kontakte zwischen griechischen Pontiern und
dem osmanischen Volk bedingte Sprachvermischung kann eine Rolle
gespielt haben. Dass in der pontischen Überlieferung ein
und dieselbe Person die Lyra spielt, singt und tanzt, zeigt deutlich
die Einflüsse des musikalischen Brauchtums im antiken Griechenland.
Der Kementsés mit seiner länglichen Form ist dagegen
der anatolischen Spielweise angepasst, bei der der Spieler sitzt
und die Beine kreuzt. Die Form dieses Instruments schließt
das Spiel in aufrechter Haltung, wie es für die pontische
Lyra typisch ist, aus.
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Die
zeitgenössische Verbreitung
Die pontische
Lyra wird heute auch außerhalb der Grenzen Griechenlands
gespielt, besonders an den Küsten und im Hinterland des Pontos,
von den zurückgebliebenen Klostí
(die gewaltsam islamisierten Pontier, die dennoch heimlich am
Bewusstsein ihrer pontischen Herkunft sowohl in politischer als
auch in religiöser Hinsicht festhielten und festhalten).
Sie wird auch von den in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion
angesiedelten Pontiern und von den Nachkömmlingen der Pontier
in Australien, Amerika und Europa (besonders in Deutschland) gespielt.
Vor einiger Zeit haben pontische Musikstudenten verstärkt
angefangen, die pontische Musiktradition systematisch wissenschaftlich
zu erforschen, insbesondere wie sie von der pontischen Lyra interpretiert
wird. Besonders hervorzuheben ist hier der Musikstudent Ilias
Papadopoulos von der Aristoteles-Universität in Thessaloniki.
Andere wichtige
pontische Musikinstrumente sind: Angíon (Dudelsack, Schalmei),
Schilávr (Flöte), Sournás (Klarinette) und
Daoúli (Pauke).
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